ich sitze hier und sinne nach…

zur Zeit ist es etwas schwierig(er) mich zu konzentrieren, Worte zu finden, Sätze zu fügen, Gedanken zu kleiden…

manchmal inzwischen (vielleicht schon länger) kommt es vor, dass ich existiere wie im Vakuum – abgeschirmt und abgestumpft. mit der Außenwelt als fremdes Universum. gefüllt von zu lauten, grellen Geistern. die ich nicht erkenne. die mich nicht sehen.

und dann bleibt mir nur die Kunst… oder auch bloß Worte, welche Kunst sein könnten und nicht lediglich abgebrochene Gedankenfetzen eines vormals fast verstandenen Lebens…

es ist kein Jammern, kein Wehklagen, kein Nihilismus und niemals die Verbitterung, das Selbstmitleid… es ist was es ist… und eine Welt in neuen Farben, Formen und (un)Möglichkeiten…

und all das hat seine eigene Schönheit. von der ich nicht die Augen abwende. von der ich nicht mehr weiche, nie ausweiche. stets mit stolz gereckter Brust und erhobenen Hauptes…

auch wenn unverstanden. auch wenn belächelt. auch wenn manchmal allein… niemals einsam. nicht hilflos. noch weniger verzweifelt.

das Leben ein Werk. ein eigenes Werk.

wie ein Werk von Dali… wenn man so will

von der Unnachgiebigkeit

aufgeschlagene Knie, zerschnittene Finger, blaue Flecke überall… irgendwo darin steckt sicher der Anfang für eine Geschichte…

über das passende Genre könnte man vielleicht noch streiten…

da es ist was es ist – also eher Tagebucheintrag als Fiktion – bleibt es Anfang, Mitte, letzter Akt…

Teil einer Serie vielleicht…

denn zu joggen, Brot zu schneiden, sich durch die eigenen vier Wände zu bewegen und so fort, ist ja doch keine Einzigartigkeit im Lebensalltag oder eben in Geschichten…

so oder so – es gilt wie immer: Humor ist, wenn man trotzdem lacht und aufgeben keine Lösung und sicherlich ist völliger Stillstand nicht die Alternative, nach der man ja doch zuweilen sucht…

es wird aber vielleicht Zeit an Knieschützer zu denken, für die Brotmaschine fehlt leider der Platz und habe ich erwähnt, es ist das Bewegen in der Wohnung oder überall sonst, wo es Wände, Türen, Tische, Schränke, Stühle – sprich Hindernisse – gibt…

„Tagebuch“ gilt auch als eigenes Genre fällt mir gerade ein

sich erlauben Kraft zu schöpfen

Das Leben hat Kurven, Stolpersteine, Kanten, Mauerwerk, reißende Ströme, Berge und Löcher…

ich habe zwei Berufe gelernt, ein abgeschlossenes Bachelorstudium – den (gewechselten) Master in Arbeit und bin seit über drei Jahren berentet…

gerade sagte ich einen der neuen Kurse ab, obgleich das Semester kaum eine Woche alt ist, und fühle mich wie aufgeben…

und klar es ist das Wichtigste sich die Kräfte einzuteilen und Luft zu holen bevor diese einem ausgeht. Aber manchmal ist es eben schwierig…

bei jeder Entscheidung, die zu treffen ist, muss ich inzwischen die möglichen Schwierigkeiten mitbedenken und so oft genug einen Schritt zurückgehen nachdem ich zwei vorangeschritten bin…

es ist das Vernünftigste, aber nicht immer das Beste. Denn ich vermisse zuweilen meine Spontanität und die Freiheit loszulassen und in den Moment, das Leben einzutauchen… meine Arbeit als Tierpflegerin vermisse ich schrecklich, aber auch das Besuchen von Konzerten und Festivals oder eben einfach mal auszugehen… meine Familie länger zu besuchen, zählt inzwischen auch zur Kategorie „ist halt nicht drin oder nur unter Auflagen“…

manchmal kostet es Kraft, die mir oft fehlt und ich benötige Hilfe, obgleich ich immer selbstständig war und ich bleibe stumm, wenn ich doch schreien möchte und stehen, wo es doch ums Rennen geht…

trotz allem und das werde ich nie vergessen… ich bin glücklich und ich konnte so viele schöne, interessante, aufregende Sachen in meinem Leben erleben… es sind die besten Erinnerungen und ich bin für alles (auch das nicht so schöne) dankbar…

und bin es auch heute… denn ich schätze mich glücklich…

man muss auch mal anhalten, sauer sein, unzufrieden gar… nur niemals verbittert…

denn auch der Weg kann zum Ziel werden, wenn die Ziellinie selbst auch manchmal in weite Ferne rückt…

schwierige Worte

Vor knapp 10 Jahren verließ ich etwas geschockt, aber noch vor jeglicher Sorge, den Folge-MRT-Termin, welcher damals klären sollte, weshalb ich nicht mehr fähig war schmerzfrei meine rechte Hand zu gebrauchen – alles was ich anzuheben versuchte, schien zu schwer und die Hand brannte, gleichzeitig war sie eiskalt. Man hatte „krankhafte Veränderungen des Rückenmarks“ in meinem Genick entdeckt, war aber außerstande die Ursachen dafür zu bestimmen; ich weiß noch wie der Radiologe, denn ich hatte den Grund für die Notwendkeit dieses Folgetermins akustisch und so auch sinnmäßig nicht richtig verstanden aus dem Beobachtungsraum geschossen kam und mich beinahe anfauchte, es könne so viele Gründe haben (diese Veränderungen im Rückenmark) „sogar Multiple Sklerose!“…

verunsichert machte ich mich nach der Untersuchung (zugfahrend) auf den Weg nach hause und rief meine Mutter an, gefasst wie gesagt, bis dahin: „Wir werden uns um dich kümmern… keine Sorge.“ meinte sie Mut machen wollend und voll elterlicher Fürsorge…

ich brach in Tränen aus…

während dieser Zugfahrt und immer wieder am folgenden Arbeitstag, wenn ich mich unter all den vor Mitgefühl weit aufgerissenen Augen und säuselnden Stimmen meiner Kollegen befand (es war ja bekannt und man merkte es mir an, dass es mir immer schlechter ging), drohten sie herauszubrechen; diese Tränen aus Angst vor dem Unbekannten, dem was sein könnte, diesem „Wir werden uns um dich kümmern… keine Sorge.“…

und ja, ich weiß, dass klingt unverständlich, im mindesten undankbar, dass ich so reagierte (heute zuweilen noch reagiere leider) unter diesen sehr ernstgemeinten Versprechen meiner Eltern, dem Mitleid, den so unbedingt Trost bringen wollenden Worten meiner Bekannten und Freunde… aber meine Angst, meine Wut, meine Verzweiflung und die Tränen kamen (kommen) vor dem Angesicht des Unklaren, des könnte-vielleicht-werden, des jetzt-ist-es-so-was-nun…

sie kamen und kommen von der Erkenntnis, dass es keine wirklich tröstenden Worte gibt, wenn man (ich) doch im Leben immer nur selbständig sein, für sich aus eigenen Kräften auskommen, eine Familien gründen wollte…

denn als nun meine Mutter damals voller Liebe meinte: „Wir werden uns um dich kümmern… keine Sorge.“ sah ich all diese (Lebens)Vorstellungen vor meinem geistigen Auge unwiederbringbar verschwinden und war entsetzt; mit einem Mal verängstigt ohne zu wissen (wirklich wissen zu können), was noch vor mir liegen würde…

und ich werde es nun noch einmal und sicherlich auch später noch viele Male betonen: ich bin glücklich und dankbar für all mein(e) Leben, die da waren und sicher noch kommen werden und es tat mir damals wie heute so leid, wenn ich unter meinen Tränen ungerecht geworden bin den Trost spenden wollenden Worten und Gesten gegenüber…

denn manchmal muss es einfach raus und nicht immer kann es kunstvoll sein, aber es hilft loszulassen und aus sich rauszukommen…

es hilft auch mal zu weinen und sich seine Schwächen einzugestehen, damit man diese erkennt und sich ihnen stellen kann – man muss darüber sprechen, sich selbst und anderen gegenüber ehrlich sein, um Hilfe bitten, sich in den Arm nehmen lassen…

auch wenn es schwer fällt und das wird es (tut es)…

dass es Menchen gibt, die versuchen zu trösten, obgleich deren Worte ab und an erst nur Tropfen auf zu heißen Steinen sind, ist was man (ich) immer zu schätzen weiß und was einem (mir) die Kraft gibt weiter zu machen auch im Angesicht des Unklaren und dem Es-hätte-doch-anders-sein-sollen…

und so ist das loslassen müssen, um aufgefangen werden zu können wieder eine dieser Lektionen, die zumindest ich stets wiederzuerlernen hab…

und wenn der Humor am Galgen hängt

Auf dem Weg zur Akzeptanz, zu einem (guten) Umgang stolpert man, stolper(t)e ich, über viele Steine in den Jahren nach der Diagnose…

und einer dieser Brocken, der sich zumindest vor mir auftürmte und an schlechteren Tagen auch immernoch aufzutürmen droht, ist die Erkenntnis, dass das Leben zu einem Kampf gegen Windmühlen geworden ist und dass all diese Steine der Verdrängung, des Entsetzens, der Trauer, der Wut und der Angst bei einer chronischen Erkrankung wie der Multiplen Sklerose sich einem nicht nur einmal in den Weg legen werden…

denn gerade da die Symptomatik so vielseitig sein kann und einem wie aus heiterem Himmel überrascht (wenigstens zu Beginn), ist man gezwungen sein Leben und damit den Umgang immer wieder von neuem auf Situationen anzupassen, deren Ende nicht absehbar ist, mit denen man doch niemals hätte rechnen können, wollen, sollen…

und ehe man sich’s versieht, steht man da wie Don Quijote und schwingt die Lanze eifrig, allein und aussichtslos, um da einen Lebensweg zu erhalten, der doch so ganz anders hätte verlaufen sollen, der aber immer schmaler wird, mit Schlaglöchern und Dornsträuchern versehen und so sinnlos scheint mit jeder Attacke…

denn ein Sieg über diese Krankheit wird man nicht erringen können (noch gibt es keine Heilung leider, aber die Forschung ist eifrig dabei), drum wird ein Kampf nur kostbare Kraft rauben…

nicht einen Kämpfen dagegen, sondern ein Leben damit wird den Weg ebnen!

und ja, das Leben sollte anders sein, der Weg zu klaren Zielen führen und man droht regelmäßig dem Vertigo der Wegkreuzungen und Hügelketten zu erliegen, doch wird man es schaffen (seinen neuen Weg gehen), wenn man lernt auf die Signale zu hören, die der Körper einem sendet (und das tut dieser) und auch mal Pause zu machen… wenn man lernt „nein“ zu sagen und man nicht aufhört Fragen zu stellen wie man sich selbst helfen kann… wenn man um Hilfe bittet, man Körper und Geist trainiert… sich der Tränen nicht schämt und das Lachen nie verbietet…

und mit einer guten Portion Galgenhumor… 😉

vom Fehlen der Worte

…und dann weiß ich mal wieder nicht was sagen, wenn sie kommt (denn sie kommt immer) diese Frage nach dem eigenen Wohlbefinden, den Befindlichkeiten des Alltags, des Alltäglichen, des (meines) Lebens mit der Krankheit…

…und da es niemals eine einfache, eine klare, gar eine immer gültige Antwort auf diese Frage gibt, weicht (weiche ich) dieser nur allzu gerne aus – mit Platitüden, mit Gegenfragen, zuweilen auch mit dem (zu) vielsagenden Schweigen…

…was nun hier entstehen soll (zumindest in Ansätzen) ist nicht die alles erklärenden (weil für jeden, der fragt, beruhigende) Antwort auf diese Frage, sondern das (nach)Zeichnen, besser noch das (an)Zeigen eines Weges…

…eines (meines) Weges vom Umgang mit der Multiplen Sklerose…

…von Verzweiflung, von Hoffnung, von Resignation, von Dankbarkeit, vom Luftanhalten und Aufschreien zum Aufatmen und Durchatmen…

…und wiedervonvorn…

…vielleicht kann es helfen, vielleicht ist es irrelevant, aber es wichtig zu wissen: Du bist nicht allein!…