von der Unnachgiebigkeit

aufgeschlagene Knie, zerschnittene Finger, blaue Flecke überall… irgendwo darin steckt sicher der Anfang für eine Geschichte…

über das passende Genre könnte man vielleicht noch streiten…

da es ist was es ist – also eher Tagebucheintrag als Fiktion – bleibt es Anfang, Mitte, letzter Akt…

Teil einer Serie vielleicht…

denn zu joggen, Brot zu schneiden, sich durch die eigenen vier Wände zu bewegen und so fort, ist ja doch keine Einzigartigkeit im Lebensalltag oder eben in Geschichten…

so oder so – es gilt wie immer: Humor ist, wenn man trotzdem lacht und aufgeben keine Lösung und sicherlich ist völliger Stillstand nicht die Alternative, nach der man ja doch zuweilen sucht…

es wird aber vielleicht Zeit an Knieschützer zu denken, für die Brotmaschine fehlt leider der Platz und habe ich erwähnt, es ist das Bewegen in der Wohnung oder überall sonst, wo es Wände, Türen, Tische, Schränke, Stühle – sprich Hindernisse – gibt…

„Tagebuch“ gilt auch als eigenes Genre fällt mir gerade ein

sich erlauben Kraft zu schöpfen

Das Leben hat Kurven, Stolpersteine, Kanten, Mauerwerk, reißende Ströme, Berge und Löcher…

ich habe zwei Berufe gelernt, ein abgeschlossenes Bachelorstudium – den (gewechselten) Master in Arbeit und bin seit über drei Jahren berentet…

gerade sagte ich einen der neuen Kurse ab, obgleich das Semester kaum eine Woche alt ist, und fühle mich wie aufgeben…

und klar es ist das Wichtigste sich die Kräfte einzuteilen und Luft zu holen bevor diese einem ausgeht. Aber manchmal ist es eben schwierig…

bei jeder Entscheidung, die zu treffen ist, muss ich inzwischen die möglichen Schwierigkeiten mitbedenken und so oft genug einen Schritt zurückgehen nachdem ich zwei vorangeschritten bin…

es ist das Vernünftigste, aber nicht immer das Beste. Denn ich vermisse zuweilen meine Spontanität und die Freiheit loszulassen und in den Moment, das Leben einzutauchen… meine Arbeit als Tierpflegerin vermisse ich schrecklich, aber auch das Besuchen von Konzerten und Festivals oder eben einfach mal auszugehen… meine Familie länger zu besuchen, zählt inzwischen auch zur Kategorie „ist halt nicht drin oder nur unter Auflagen“…

manchmal kostet es Kraft, die mir oft fehlt und ich benötige Hilfe, obgleich ich immer selbstständig war und ich bleibe stumm, wenn ich doch schreien möchte und stehen, wo es doch ums Rennen geht…

trotz allem und das werde ich nie vergessen… ich bin glücklich und ich konnte so viele schöne, interessante, aufregende Sachen in meinem Leben erleben… es sind die besten Erinnerungen und ich bin für alles (auch das nicht so schöne) dankbar…

und bin es auch heute… denn ich schätze mich glücklich…

man muss auch mal anhalten, sauer sein, unzufrieden gar… nur niemals verbittert…

denn auch der Weg kann zum Ziel werden, wenn die Ziellinie selbst auch manchmal in weite Ferne rückt…

rennen nicht laufen

zu allererst: gebt acht auf euch und eure Lieben…

Nun zu etwas, an dem ich seit längerem sitze; da es immer wieder von neuem aufkommt zum einem und da ich gerade selbst mal wieder an der besten Taktik dafür arbeite zum anderen:

Ich habe im allgemeinen weniger Duchhaltevermögen als man mir zuschreibt und tendiere leider dazu Projekte schnell aufzugeben oder Einfälle gar nicht erst umzusetzen…

nicht weil es zu schwierig wäre oder ich schlicht die Lust verliere daran, sondern da mir nicht nur ein „Schweinehund“ im Nacken sitzt – nein eine ganze Sippschaft – und mir einredet, dass der Weg zu weit, die Hürde zu hoch, die Zeit eh längst vertan ist…

und somit bleibe ich zuweilen stehen, trete zurück oder laufe gar nicht erst los…

Und da ich schon immer so war und ja trotzdem nicht mein Leben zurückstellen wollte, habe ich mir Wege gesucht, um mit dieser meiner recht flatterhaften Grundhaltung und den zähnefletschenden „Schweinehunden“ im Rücken nicht nur umzugehen, sondern diese zu nutzen auch besser mit meiner Krankheit zu leben…

denn genau wie ich zurückschrecke, bin ich noch lieber aktiv und treibe mit dem Kopf voran in die nächste Aufgabe, das mögliche Projekt, die Herausforderung, das Abenteuer… mit zwei Herzen in der Brust und fünf Personen im Geist… ist recht laut manchmal…

(aber Spaß beiseite oder vielmehr dass was ich dafür halte)

ich funktioniere am besten unter der Schwere einer schier erdrückenden Aufgabe… und ich spreche nicht von sich selber unnötig Stress machen oder machen lassen… es geht darum mir Aufgaben zu stellen, die ich beenden muss, komme was da wolle (auch wenn ich im Feld stehe und der Weg nach Hause noch in weiter Ferne liegt) …

und wie alles was ich hier als Ratschlag in die Welt trage – es sind meine Erfahrungen und jeder muss für sich selbst einschätzen, was er oder sie mit diesen anfängt…

so nun endlich zum Text:

mir ist in den vergangenen zehn Jahren mehrfach die Fähigkeit sicher und ausdauernd zu laufen weggebrochen und was mir am besten hilft das wiederaufzubauen bzw. zurückzugewinnen, ist zu rennen oder im Harzer Wald zu wandern…

und wenn ich sage „rennen“, meine ich joggen und wenn ich jogge dann in einem Tempo, in welchem andere gehen – ich habe mir schon einige Male erfolgelose Rennen mit Spaziergängern geliefert 😉

aber es geht nicht um Schnelligkeit oder um Stil, sondern darum andere Muskeln und Nerven anzusprechen und auch das Gleichgewicht differenzierter zu trainieren als beim einfachen Gehen – es fällt mir wesentlich leichter, ich bin ausdauernder und das schlichte gehen, wird dadurch auch stabilierer… zumindest bis zum nächsten Einbruch, von welchem es sich dann auch wieder schneller aufbauen lässt…

um überhaupt wieder auf die Beine zu kommen, half (und an schlechten Tagen hilft) mir ein Rollator, aber ab dem Punkt da ich die Grundstabilität zurück habe und es um Ausdauer und Kraft geht und damit die Wegstrecken zu verlängern und das Laufen angenehmer zu gestalten, setze ich die zugegebenermaßen etwas extremere Trainingsstrategie ein und gestalte entsprechend auch meine Laufstrecken… diese sind vor vornherein länger als mein aktueller Ausdauerstand (und dabei laufe ich nicht mehrere kleine Runden, sondern nach Möglichkeit eine Großrunde – von wegen der „Schweinehunde“ – und arbeite mit Intervallen aus joggen, gehen, wenn nötig stehen bis es weitergeht). Ich kombiniere das Ganze dann natürlich noch mit regulärem Reha-Sport und Physiotherapie bzw. Lymphdrainagen, aber vor allem auch Pflege zu Hause und Yoga…

ich bin bemüht jeden Tag ein bisschen für das Training zu machen; so wird es weder zu viel noch zu einseitig und lässt sich in den Lebensalltag einflechten…

aber das sich neuen Herausforderungen stellen und darüber die eigenen Grenzen nicht nur auszuloten, sondern wenn möglich zu erweitern, ist etwas das mir im Umgang mit der Krankheit und dem Rudel „Schweinehunde“ hilft und stets geholfen hat…

es ist so wichtig sich unter den gegebenen Verhältnissen auch körperlich fit zu halten, nicht nur im Umgang mit einer chronischen Erkrankung…

was sein kann

Und noch immer versuche ich wach zu werden, wach zu sein, dass ich aktiv sein kann – mehr als für das Nötigste – nun endlich zumindest wieder für das Nötigste…

Es ist immer erschreckend, wenn sich die Gedanken wie Gummi ziehen oder zerfallen noch bevor ich sie begreifen kann und ich frage mich zuweilen, ob es nicht sinnvoller wäre einfach stehen zu bleiben, die Augen geschlossen zu halten, die Ohren verstopft…

so das ich zur Ruhe komme – nicht bloß zur Ruhe, mehr als das, nur… so wäre es beinahe ein Stillstand…

natürlich muss man sich Pausen gönnen, die Fatigue (ein Erschöpfungszustand, der seines gleichen sucht) lässt sich auch nicht einfach ignorieren und nur bedingt überspielen. Doch es fällt mir gerade immer schwerer darauf zu warten, dass sich der Schleier von alleine lüftet (dass ich für das Studium Zeit aufwenden muss, ist nur eine Sache, die untergeht dabei)…

ich weiß, dass es besser werden wird und ich nutze die gegebene Möglichkeiten (ich mache Sport so gut es geht, ich treffe mich zumindest ab und zu mit Freunden, ich gehe fast immer zu den diversen Therapien und Arztterminen… putze die Wohnung Stück für Stück, mache nötigste Einkäufe (wenn auch neue Kleidung mal wieder nicht verkehrt wäre) und lese ein wenig (hey gerade schreibe ich sogar :)…

kurz um: ich (er)lebe den Alltag, denn das ist wichtig und unter diesen Umständen eine Leistung für sich…

in der Reha wurde das stets betont und hier möchte ich das auch tun: das Leben mit einer Erkrankung wie der MS (oder auch jeder anderen Sache, die einen einschränkt) ist nicht immer einfach, oft genug nicht schön und in jedem Fall wird es nicht vergleichbar mit jedem anderen Leben…

alles was man erreicht (ja auch das Putzen der Wohnung oder Schnüren der Schuhe) ist ein Erfolg! Ich habe einige Zeit benötigt das zu verinnerlichen und in Zeiten wie diesen jetzt (wenn ich dank der Fatigue kaum die Augen aufhalten kann und um jedes Wort kämpfe) muss ich mir das selbst immer wieder aufs neue sagen…

denn so oft fühlt es sich nach zu wenig an…

nach es sollte doch aber…

und besonders

die anderen können das schließlich auch…

von

was hätte alles werden müssen… ganz zu schweigen

ich war vorhin spazieren, habe die Tage Gaze an die Fenster gebracht, ich erhole mich gerade von einem Eingriff und werde gleich mit Freunden telefonieren…

es sind gute Tage auch mit MS!

es ist das was man für sich daraus macht…

über die Hilflosigkeit der Wut

Ich wäre so gerne der Mensch, den andere in mir sehen…

denn ich wollt ich könnte stark sein, immerzu stark, aus eben jenen Gründen, die man so sagt…

immer aufrecht gehend, stolzen Blickes, mit dem Schmunzeln im Gesicht…

aber nunmal aus diesen Gründen, denen des Mutes, der Zuversicht, der beständigen Freude am Leben…

denn ich bin stark in den Augen Anderer für diese Anderen und manchmal muss das genügen an den Tagen da ich für die Gründe, die man so sagt, die Kraft aufzubringen nicht vermag…

wenn auch sie wieder kommt diese ungerichtete Wut auf das Nichts, die nur schadet, die einen nicht vorantreibt, die mich erstarren lässt und mich mir selbst zu entfliehen wünscht, da ich hilflos sehe, dass die Grenzen sich erneut aufzeigen viel näher noch als letztes Jahr, vergangenen Monat, in der Woche zuvor, gestern und dass das Leben (mein Leben) kleiner wird, enger, an den Rand gerückt, mich nicht mal mehr Zuschauen lässt zuweilen…

und eben da sie so ungerichtet ist diese Wut, weil niemand etwas dafür kann, ist sie so gefährlich und fähig einem (mich) aus dem Hinterhalt zu überraschen und auch zu übermannen…

und dann hilft nur Nichts!…

es bleibt bloß atmen, abwarten bis der Sturm sich legt, bis man (ich) die innere helfende Hand wieder ergreifen kann, um wieder nach vorne zu blicken und nie zurück…

und ja, ich bin glücklich und ja, immer dankbar und stehe noch aufrecht, behalte den Stolz und das Schmunzeln und meine es so…

selbst im täglichen Schmerz, den wenigen Stunden der Konzentration, der schwankenden Kräfte, dem wackligen Gang, dem Ungefühl auf der Haut, verhuscht in der Reizüberflutung, dem Unverständnis, der Hilfloskeit und dem Mitleid der anderen ausgesetzt…

und dann weiter mit Stärke als Schild und als Stütze auf meinem Lebensweg, wie einer Flucht nach vorn aus eben diesen Gründen, die man so sagt…